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Zur neuen Event-Reihe: GENDER FREIHEIT KINO

Ab Oktober 2019 beginnt für Kultur & Gestalt ein neues Projekt! Wir kooperieren mit der Kinopassage Erlenbach für eine Filmreihe mit dem Titel “Gender Freiheit”. Das romantische Programmkino zeigt dort immer abwechselnd an Sonntagen zur Mattinee um 12:30 und an Donnerstagen um 19:30 Meisterwerke der Filmgeschichte, in denen das Thema Geschlecht und Sexuelle Identität verhandelt wird. Im Anschluss an die Filme diskutiert das Kultur & Gestalt Team mit den Gästen über das Gesehene. Wir wollen die Filme nutzen, um ins eigene Denken und Fühlen zu kommen.

Wir werden folgende Filme zusammen sehen:

6.10.19 Der Spalt
24.10.19 Harold and Maude
10.11.19 Alle Farben des Lebens
09.01.20 Eine fantastische Frau
26.01.20 Eine neue Freundin
06.02.20 A million dollar baby
16.02.20 Der verlorene Sohn 
05.03.20 Wüstenblume
15.03.20 Girl
29.03.20 Nine

Tickets gibt es bei der Kino-Passage. Die Termine finden Sie außerdem in unserem Eventkalender und bei Facebook.

normal

Was ist normal?

Dass etwas normal für jemanden oder eine ganze Gruppe von Menschen ist, das ist eine soziale Tatsache, wie es der Soziologe Emile Durkheim ausgedrückt hat. Das Essen mit Messer und Gabel ist nicht normal für alle Menschen der Erde in allen Zeitaltern. Aber (ha ha!) dass Essen mit Messer und Gabel für einen Großteil der Bevölkerung in Deutschland normal ist, das ist eine soziale Tatsache. Es ist eine empirische (also messbare) Tatsache für diese spezielle soziale Gruppe.

Jetzt kommt die Nummer mit dem Habitus. Das Wort kennt der eine oder andere vielleicht noch aus dem Biologieunterricht, und zwar von dem Ausdruck Habitat. Damit sind Ort und Lebensumstände gemeint, in dem sich eine bestimmte Spezies von Tier oder Pflanze ausbreitet, darin lebt und sich pudelwohl fühlt. Jetzt hat der Soziologe Pierre Bourdieu nicht Tiere und Pflanzen, sondern Menschen beobachtet. Er hatte im Gepäck schon ein paar Vorannahmen von Karl Marx und dem eben genannten Durkheim, und zwar das Modell der sozialen Klassen, die eine Gesellschaft vertikal einteilt (also in etwa von Unterschicht zu Oberschicht). Bourdieu hat jetzt die Perspektive verändert und sich gefragt: was, wenn wir die Gesellschaft zudem noch horizontal einteilen (also beispielsweise eine Unterscheidung innerhalb der Mittelschichten). Um es mal anschaulich auszudrücken: die Mittelschicht in Europa empfindet andere Dinge als normal als die Mittelschicht in Asien. Die Mittelschicht in Kiel hat andere traditionelle Weihnachtsgerichte als die Mittelschicht in Konstanz.

Das, was Gruppen von Menschen in ihrem Lebensumfeld (Habitat) als normal empfinden, was sie für Kleidung tragen, was sie essen, was sie arbeiten, welche Werte für sie bedeutsam sind, welche TV-Serien sie konsumieren, wie sie sich begrüßen und verabschieden, welche Witze sie sich erzählen, wie sie heiraten und ihren Glauben ausleben, all das, was soziales Handeln ausmacht und für eine bestimmte soziale Gruppe spezifisch ist, das ist der Habitus.

Postkolonialismus

Was ist Postkolonialismus?

Mit dem Begriff Kolonialismus können sehr viele etwas anfangen. Seit dem 15. und bis zum 20. Jahrhundert haben einige Staaten das Land und die ansässige Bevölkerung in einem anderen Territorium in Besitz genommen und sich verfügbar gemacht. Sie haben zum Beispiel Rohstoffe, Menschen, Wissen und Land erobert und für sich beansprucht. Dies wurde begleitet von der Auffassung der Kolonialisten, selbst „zivilisiert“ und daher überlegen und dem entsprechen wertvoller zu sein als die „Naturvölker“ (in Abgrenzung zur Zivilisation), die sie „erobert“ und versklavt haben. Die Ansässigen hingegen wurden oftmals nicht als Menschen mit gleichem Recht, Verstand und Wert betrachtet, sondern mehr als exotische Wesen, die wie Tiere domestiziert werden konnten. Im Laufe der Zeit haben sich viele Kolonialisten zum Ziel gesetzt, ihre Werte, Ästhetik, Bürokratie, Weltverständnis, Religion und so weiter der lokalen Gesellschaft anzueignen.

Im 20. Jahrhundert kam es schließlich für einen Großteil der betroffenen Gebiete zur Dekolonialisierung, zur weitgehenden politischen Unabhängigkeit der Kolonialstaaten. Postkolonialismus wird ab diesem Zeitpunkt von einigen im Fachdiskurs für die Zeit danach verwendet. Hier nun gibt es verschiedene Perspektiven auf Geschichte. Kritiker des Begriffs mahnen an, dass er einen „endgültigen Abschluss einer historischen Epoche“ suggeriere, „so als wäre der Kolonialismus und seine Konsequenzen definitiv vorbei“. Dem entgegen stehet die Beobachtung, dass erst jetzt Konsequenzen und soziale Prozesse in Gang gesetzt wurden (und bis heute werden) wie etwa die Suche nach alternativen kulturellen Wurzeln der Kolonialisierten: die Suche und Konstruktion einer Geschichte, Entstehungsmythen, Traditionen, Werten, Religionen – kurzum Identitäten, die ohne Kontakt oder Beeinflussung durch die Kolonialisten funktioniert. Dies ist ein eindrucksvolles Beispiel, wie politisch die Herstellung von Identität oder Sinn ist.

Im Falle des Postkolonialismus kann die Herstellung einer alternativen Identität als ein Befreiungsschlag gegen die Hegemonie, die Vorherrschaft „fremder Herrscher“ verstanden werden. Wenn ich meine Geschichte auch ohne meinen Unterdrücker erzählen kann, bin ich in meiner Identität, in dem was, wer oder wie ich bin, ein Stückchen unabhängiger, freier.

Stuart Hall (2013): Wann gab es das `Postkoloniale´?: Denken an der Grenze, in: Conrad et al (Hrgs.): „Jenseits des Eurozentrismus“, Frankfurt, campus.

Frau sein?

Man wird nicht als Frau geboren

Man wird es. Simone de Beauvoire.

Selbiges könnte im Übrigens auch über Männer gesagt werden. Was die französische Philosophin und Feministin damit ausdrücken wollte, benannte ihre Kollegin, wie ich Judith Butler sicherlich bezeichnen kann, als das Überwinden des Zwangs und des Schicksals der Biologie (Butler, 1995). Die Idee dieser feministischen Theorie ist, dass es alles andere als „natürlich“ ist, eine Frau zu sein unter der Prämisse aller hinzugedachten und -gedichteten Attribute. Sie richtet sich als direkte Kritik an die Aristokratie der Naturwissenschaft, die seit der bürgerlichen Moderne scheinbar für einen Großteil der Gesellschaft wahrer ist als die anderen Wissenschaften.

Beauvoir und Butler stürzen die Biologie von ihrem Thron, indem sie auf die Naturalisierung von Diskriminierung, Ausgrenzung und Abwertung von Frauen auf Basis biologischer Argumentation hinweisen. Dass die „Natur der Frau“ für manche Tätigkeiten, Charaktereigenschaften oder Handlungsweisen geeigneter sei als für die Dinge, die in der „Natur des Mannes“ liegen, ist noch heute eine verbreitete Meinung. So liege es den Frauen, „familiär, fürsorglich, apolitisch [und] natürlich“ zu sein, während Männer hingegen „wettbewerbsorientiert, politisch [und] sozial gestalte[nd]“ seien (Villa 2012, 42). Es ist nicht unbedeutend, dass ausgerechnet die vermeintlichen Eigenschaften der Frauen mit Aufgabengebieten zusammenfallen, deren gesellschaftliche Wertschätzung geringer ausfällt, aus der simplen Tatsache heraus, dass sie nicht sichtbar werden. Die „Liebesdienste“ der Frauen, die zu einem großen Teil konstitutiv für die Reproduktion von Arbeitskraft sind (Kochen, Waschen, Putzen, Nachwuchs, Zuwendung, Pflege etc.) werden nicht als Leistung gewertet, sondern als die „Natur der Frau“. Es gibt kein symbolisches Kapital für die Arbeit, die nicht sichtbar wird, geschweige denn von finanziellem Kapital. Durch diese Arbeitsteilung entsteht eine gegenseitige Abhängigkeit von Männern und Frauen, die einerseits bezahlte Arbeitskraft und andererseits unbezahlte Reproduktion von Arbeitskraft im Tausch füreinander hergeben (müssen).

Es geht nicht darum, die Naturwissenschaften in ihrer Legitimation zu hinterfragen, sondern darum, ihre Grenzen und politischen Verstrickungen aufzuzeigen, wie sie jede Wissenschaft hat. Dass Männer und Frauen eine „unterschiedliche Natur“ hätten, war einmal eine bahnbrechende neue Erkenntnis. Aber wie es so schön heißt: Alles war einmal neu, bis es alt wurde.

 

Villa, Paula- Irene (2012): Feministische- und Geschlechtertheorien, in: Martha Kampshoff und Claudia Wiepke (Hrsg): „Handbuch Geschlechterforschung und Fachdidaktik“, Wiesbaden: Springer VS, 39-52.